top of page

Perfektionismus im Studium: Wenn gut nie gut genug ist

Laura Trinkler
vor 5 Tagen
6 Min. Lesezeit

Du bekommst eine 5.5 und denkst als Erstes an die Punkte, die dir zur 6 gefehlt haben.


Du gibst eine Arbeit ab und liest sie danach nochmals durch, um zu kontrollieren, ob du irgendwo einen Fehler übersehen hast.


Du nimmst dir für das neue Semester vor, diesmal wirklich alles von Anfang an perfekt im Griff zu haben: Vorlesungen nachbereiten, frühzeitig lernen, dreimal Sport, arbeiten, Freunde sehen und natürlich genügend schlafen.


Studentin liest ein Buch, daneben liegen farbige Post-its
Foto von Dillon Wanner auf Unsplash

Von aussen sieht das vielleicht nach Ehrgeiz aus. Und zum Teil ist es das auch.

Doch wenn du selbst mit guten Leistungen selten zufrieden bist, Fehler sich wie persönliches Versagen anfühlen und Pausen ständig ein schlechtes Gewissen auslösen, steckt möglicherweise mehr dahinter.


Perfektionismus im Studium kann dich zu guten Leistungen antreiben. Er kann aber gleichzeitig dafür sorgen, dass sich keine Leistung jemals wirklich gut genug anfühlt.


Ist Perfektionismus nicht eigentlich etwas Gutes?

Hohe Ansprüche sind nicht automatisch problematisch.


Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Wunsch, etwas sehr gut zu machen, und dem Gefühl, etwas perfekt machen zu müssen.


Du kannst ambitioniert sein, sorgfältig arbeiten und hohe Ziele verfolgen, ohne dich permanent selbst unter Druck zu setzen.


Der Unterschied zeigt sich häufig dann, wenn etwas nicht funktioniert.

Stell dir vor, du bekommst eine schlechtere Note als erwartet.


Eine leistungsorientierte Reaktion könnte sein:

«Schade. Ich hatte mir mehr erhofft. Ich schaue mir an, was ich beim nächsten Mal anders machen kann.»


Eine stark perfektionistische Reaktion klingt eher so:

«Wie konnte mir das passieren? Ich habe versagt! Ich kann das Studium auch gleich hinschmeissen, wenn ich nichts auf die Reihe bekomme! Ich bin einfach nicht gut genug.»


In beiden Fällen war dir die Prüfung wichtig.


Aber nur in einem Fall wird aus einem Ergebnis plötzlich eine Bewertung deiner Person.


Forschung zu Perfektionismus unterscheidet deshalb verschiedene Dimensionen. Besonders belastend sind perfektionistische Sorgen: starke Selbstkritik, Angst vor Fehlern und das Gefühl, eigenen oder fremden Erwartungen nicht zu genügen. Diese Aspekte hängen bei Studierenden mit höherem akademischem Stress zusammen.


Warum zeigt sich Perfektionismus gerade im Studium so stark?

Das Studium bietet geradezu perfekte Bedingungen dafür.


In der Schule war oft relativ klar, was von dir erwartet wurde. Im Studium gibt es dagegen viele Situationen, in denen du selbst entscheiden musst:

Wie ausführlich bereite ich diese Vorlesung nach?

Wie lange lerne ich für diese Prüfung?

Wie viele Quellen sind genug?

Wann ist meine Seminararbeit fertig?

Sollte ich diesen freiwilligen Text auch noch lesen?


Es gibt selten jemanden, der irgendwann neben dir steht und sagt:

«Hey du, jetzt hast du definitiv genug gemacht.»


Du musst diese Grenze selbst setzen. Und genau das fällt perfektionistischen Menschen häufig schwer. Wenn dein innerer Standard lautet «so gut wie möglich», gibt es nämlich praktisch keine natürliche Grenze.

Es geht immer noch ein bisschen besser.


So kann Perfektionismus im Studium aussehen

Vielleicht denkst du bei Perfektionismus zuerst an die Studentin mit der perfekten Zusammenfassung und einem Notenschnitt von 5.8.

Doch Perfektionismus kann ganz anders aussehen.


Du brauchst für Aufgaben viel länger als nötig

Du liest einen Absatz dreimal, weil du sicher sein möchtest, dass du wirklich alles verstanden hast.

Eine Präsentation ist eigentlich fertig – aber die Schriftarten könnten noch einheitlicher sein.

Eine E-Mail an eine Dozentin liest du fünfmal durch, bevor du auf «Senden» klickst.


Du schiebst Dinge auf

Das klingt zunächst widersprüchlich.

Wenn dir gute Leistung so wichtig ist, müsstest du doch besonders früh anfangen?

Nicht unbedingt.

Wenn du an eine Aufgabe den Anspruch stellst, sie besonders gut machen zu müssen, steigt gleichzeitig die Hürde, überhaupt anzufangen.


«Ich sollte dafür mindestens drei konzentrierte Stunden haben.»

«Bevor ich schreibe, muss ich noch mehr recherchieren.»

«Heute bin ich nicht konzentriert genug.»


Und plötzlich putzt du lieber deine Küche, obwohl die Seminararbeit seit zwei Wochen auf dich wartet.


Systematische Übersichtsarbeiten zu akademischer Prokrastination nennen unter anderem Versagensangst, Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und bestimmte Formen von Perfektionismus als relevante Faktoren.


Aufschieben bedeutet deshalb nicht automatisch, dass dir eine Aufgabe egal ist.

Manchmal ist genau das Gegenteil der Fall.


Du kannst Erfolge schlecht geniessen

Prüfung bestanden?

Gut. Aber die nächste kommt in drei Wochen.


Bachelorarbeit abgegeben?

Endlich. Jetzt solltest du dich um Bewerbungen kümmern.


Sehr gute Note?

Ja, aber jemand anderes hatte eine noch bessere.


Der Fokus wandert sofort zum nächsten Ziel.

Dadurch entsteht ein seltsames Phänomen: Du erreichst objektiv viel, hast subjektiv aber ständig das Gefühl, hinterherzuhinken.


Pausen fühlen sich falsch an

Du sitzt auf dem Sofa und möchtest eigentlich eine Serie schauen.

Nach zehn Minuten kommt der Gedanke:

«Ich könnte die Zeit auch nutzen, um schon mal ...»


Und schon ist die Erholung vorbei, obwohl du körperlich immer noch auf dem Sofa liegst.

Perfektionismus betrifft deshalb nicht nur deine Leistung.

Er beeinflusst auch, ob du dir erlaubst, einmal nichts zu leisten.


Das Problem ist nicht dein Ehrgeiz

Ich möchte an dieser Stelle etwas klarstellen:

Du musst nicht lernen, dass dir deine Noten egal sind.


Du musst auch nicht plötzlich jede Arbeit mit «passt schon» abgeben.


Und du musst deine Ambitionen nicht loswerden.


Eine grosse Meta-Analyse mit mehr als 21'000 Teilnehmenden zeigt etwas Interessantes: Das Streben nach Exzellenz und hohe Standards können mit guten akademischen Leistungen und hilfreichen Lernverhaltensweisen zusammenhängen. Problematischer wird es, wenn hohe Standards mit starker Selbstkritik, Sorgen und rigidem Perfektionismus verbunden sind.


Das Ziel ist deshalb nicht:

«Mir ist alles egal.»


Sondern eher:

«Ich möchte gute Arbeit leisten, ohne dass mein Selbstwert davon abhängt.»


5 Schritte zu einem gesünderen Umgang mit Perfektionismus im Studium


1. Definiere «gut genug», bevor du anfängst

Perfektionismus verschiebt die Ziellinie gerne während der Aufgabe.

Setze sie deshalb vorher.


Zum Beispiel:

«Für diese Zusammenfassung nehme ich mir maximal 45 Minuten.»

Oder:

«Ich lese meine Arbeit zweimal Korrektur und gebe sie danach ab.»


Damit begrenzt du nicht deine Fähigkeiten, sondern deinen Energieeinsatz.


2. Frage dich, welche Aufgabe deine 100 Prozent verdient

Nicht jede Aufgabe ist gleich wichtig.

Eine Bachelorarbeit darf mehr Aufmerksamkeit bekommen als die Gestaltung deiner Notizen.

Eine wichtige Prüfung vielleicht mehr als ein freiwilliger Text für ein Seminar.


Frage dich:

Welche Konsequenz hätte es wirklich, wenn ich diese Aufgabe nur zu 80 Prozent erledige?


Die Antwort lautet erstaunlich oft: keine besonders grosse.


3. Übe absichtlich kleine Unperfektheiten

Perfektionismus verändert sich nicht allein dadurch, dass du dir sagst:

«Fehler sind okay.»


Dein Kopf braucht Erfahrungen:

  • Schick eine unwichtigeNachricht, ohne sie dreimal zu kontrollieren.

  • Lass deine Zusammenfassung optisch unperfekt.

  • Beende eine kleine Aufgabe, sobald sie ihren Zweck erfüllt.


Das kann sich zuerst unangenehm anfühlen.

Genau darin liegt die Übung.

Du lernst: Es passiert nichts Schlimmes, nur weil etwas nicht perfekt ist.


4. Beobachte deine Sprache

Achte eine Woche lang auf Sätze wie:

«Ich muss ...»

«Ich darf nicht ...»

«Ich sollte eigentlich ...»

«Das reicht noch nicht.»

«Andere schaffen das doch auch.»


Diese Gedanken wirken oft wie Fakten.

Sind sie aber nicht.

Frage dich stattdessen:

Wer sagt eigentlich, dass ich das muss?


5. Trenne Leistung und Selbstwert

Du kannst eine schlechte Prüfung schreiben und trotzdem eine kompetente Person sein.

Du kannst etwas vergessen und trotzdem zuverlässig sein.

Du kannst Hilfe brauchen und trotzdem selbständig sein.

Und du kannst einen schlechten Tag haben, ohne undiszipliniert zu sein.


Das klingt banal. Für viele perfektionistische Menschen ist genau diese Trennung aber unglaublich schwierig.


Welches Stressmuster steckt hinter deinem Perfektionismus?

Nicht alle Menschen setzen sich aus denselben Gründen unter Druck.


Vielleicht möchtest du unbedingt alles richtig machen.

Vielleicht fällt es dir schwer, andere zu enttäuschen.

Vielleicht möchtest du alles selbst schaffen.

Vielleicht brauchst du möglichst viel Kontrolle und Sicherheit.

Oder du hast gelernt, dass Aufgeben und Pausen keine Option sind.


Genau deshalb habe ich meinen Stressmuster-Selbsttest entwickelt. Er hilft dir dabei, besser zu verstehen, welche inneren Antreiber bei dir besonders stark ausgeprägt sind und wie sie deinen Stress beeinflussen.


Fazit: Du darfst ambitioniert bleiben

Perfektionismus im Studium wird nicht dadurch problematisch, dass du Ziele hast.

Er wird problematisch, wenn du dir selbst kaum noch Spielraum lässt.

Wenn eine gute Leistung nie reicht.

Wenn Fehler deinen Selbstwert angreifen.

Wenn Erholung erst erlaubt ist, sobald alles erledigt ist.

Oder wenn du ständig das Gefühl hast, noch mehr machen zu müssen.


Du musst deine Ambitionen nicht aufgeben.

Vielleicht geht es vielmehr darum, deine Ziele zu verfolgen, ohne dich auf dem Weg dorthin selbst zu verlieren.


Wenn du merkst, dass deine hohen Ansprüche dich zunehmend belasten, können wir gemeinsam anschauen, woher dieser Druck kommt und wie du einen gesünderen Umgang damit entwickeln kannst. In einem kostenlosen 15-minütigen Kennenlerngespräch kannst du unverbindlich herausfinden, ob meine psychologische Beratung zu dir passt.

 
 
 

Kommentare


bottom of page